17.10.2010

Wenn dem so wäre, wie dem nicht ist. Eine linkshirnextremistische Anekdote.

Es trug sich zu eines samstags Mittags, daß der Schreiberling sich befand vor dem Roten Rathause zu Berlin und befand, daß es Schluß zu sein habe mit der ganzen reaktionären Grütze, die Tag für Tag die Menschheit umschwappt. Geschult durch die ideologische Kompetenz, die nur dem Linkshirnextremismus innewohnt packte er den revolutionären Eifer aus dem Jutebeutel aus, blies ihn auf, bis kurz vor dem Momente des Platzens und versicherte sich der Unterstützung der revolutionären Massenmassen.Dies war ein Moment, der kurz zum Zögern einlud, denn die Massenmassen fehlten. Der Schreiberling beschloß, daß es keineswegs der Moment war sich zum Zweifeln einladen zu lassen und legte weiterhin fest, daß die Massenmassen alleine durch ihre potentielle Anwesenheit, Rückzug, Vorstoß und Jubelfläche freizuhalten haben. Wenn es scheiterte könne man sie im Nachhinein immer noch für ihr Fernbleiben im Momente der Revolution tadeln.

Mit dem revolutionären Eifer unter dem Arm geklemmt betrat der Schreiberling also die Hallen dessen was nicht zu sein hat und stellte den Eifer fein säuberlich vor dem Tresen des Empfanges ab.

„Ich verlange zu wissen wo der Balkon sich befindet, der dafür eingeteilt ist das Ende der Republiken, die Revolution, die Zerschlagung der Frühaufsteher_innendiktatur zu poklamieren.“ polterte er die, ob eines solchen Übermaß revolutionären Eifers, verdutzt dreinschauende Gestalt am Empfang an.

„Sie müssen wissen, daß es keinen Balkon für solch einen abstrusen Anlass gibt. Und es ist schwerstens illegal obendrein.“

„Meine Dame, es ist doch wohl keineswegs die Aufgabe der Revolution sich um die Tugenden dessen was nicht sein soll zu kümmern, noch die Aufgabe der Revolutionäre diese zu beachten.“

„Ich weiß nun nicht wo Sie gerade Revolutionäre sehen, ich sehe einen, einen mit einer undefinierbarer Plastikbeigabe obendrein, welche mit revolutionärer Eifer betitelt ist, jedenfalls haben wir keinen Balkon um das Ende der Republiken zu verkünden.“

„Unterschätzen Sie nicht die imaginäre Macht der revolutionären Massenmassen! Wenn dem so wäre, wie dem nicht ist, dann läge das offensichtlicher auf der Hand. Es ist dem aber nun so wie es ist und nicht wie dem nicht ist, deswegen ist es falsch. Ob Sie das verstehen ist mir nun egal, ich werde mich von dannen machen und mit den revolutionären Massenmassen das Ende des Endes der Geschichte feiern. Versauern Sie doch in Ihrer schlecht bezahlten Arbeit im Hort des Verrates an der Revolution des Linkshirnextremismus.“

Diese Tirade schien Wirkung gezeigt zu haben, jedenfalls schloß sie sich mir an. Vielleicht hatte sie auch einfach nur Feierabend und zufälligerweise denselben Weg. Neben den Massenmassen und dem aufblasbaren revolutionärem Eifer waren wir nun schon zwei, die lärmend und die Agent_innen des Falschen aufs bitterste beschimpfend, Richtung Kreuzberg zogen.

Auf dem Wege trug es sich zu, daß eine Dame, die ihre besten Tage schon einige Jahrzehnte hinter sich hatte, einer anderen, gleiche Verfallsstufe, den Weg zur Schaltzentrale der Reaktion, dem hässlichen Protzbau des Axel Springer Verlags, wies. Unser Demonstrationszug der Massenmassen hielt an um diese Verfehlung nicht unkorrigiert vonstatten gehen zu lassen.

„Heda, alte Frau“, kurze Tumulte entbrennen, die Frau will das allzu Offensichtliche nicht anerkennen und versucht die Revolution mit ihrer Krokodilslederhandtasche zu bremsen, „in den Tagen der Revolution wird nicht auf die Zentralen des Falschen verwiesen.“

„Revolution?! Was ist das denn bitte? Stalin?“

„Knapp daneben, werte Dame, der Linkshirnextremismus zerschlägt die Macht und die Frühaufsteherdiktatur. Das Wochenende wird zur ersten Bürger_innenpflicht“, man beachte wie der Unterstrich mitgesprochen wird, eine wahrlich revolutionäre Geste, „und mit Axel Springer ist es nun auch vorbei.“

Sie versuchte noch einmal mich und meine wackere Mitstreiterin, sie hatte stellte sich später heraus zwar wirklich Feierabend und beschloß diesen zu nutzen um der Revolution zu helfen, aus dem Portale des Rathauses, welches rot ist, mit ihrem Produkt aus Krokodilshaut empfindlich zu schädigen, die imaginären Massenmassen waren ob ihrer gespenstischen Gegenständlichkeit gänzlich unbeeindruckt geblieben, und entschwand mit einer Tirade über die Jugend von heute, oder die jungen Erwachsenen, in ihrem Alter könnte aber auch alles einen Verstoß gegen die vorweimarschen Moralkodexe ihrer Jugend bedeuten.

Wir gingen weiter, zerschlugen die Macht des Scheißverlags zu unserer Rechten durch bloße Ignoranz, bogen rechts ab um die taz direkt mit in den Strudel zu reißen. So warfen wir dreißig Farbeier gegen die Promenade und zwangen sie so zur Aufgabe. Und begaben uns schließlich auf das neugeschaffene Feld der linkshirnextremistischen Revolution, dort wo früher der Reichstag zu sein beliebte. Noch bevor der linke Bewegungszirkus ihn belagern konnte hatte der Linkshirnextremismus ihn zu Fall gebracht. Wenn dem so wäre, wie dem nicht ist, dann wäre dem so.

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